Sxheffel

„Sxheffel“ für Bassklarinette, Schlagzeug, Keyboard und Akkordeon entstand 2014 im Auftrag des Literaturhaus Karlsruhe anlässlich zur Ausstellungseröffnung von Joseph Victor von Scheffels bildnerischem Werk.

Die literarische Gesellschaft Karlsruhe (auch: Scheffelbund), wollte ihren alten Schutzpatron Joseph Victor von Scheffel mit einer Auftragskomposition von einer anderen Seite zeigen. Mir war sein Name lediglich als Straßenname bekannt, die Straße meines Waschsalons.

Nachdem Prof. Dr. Schmidt-Bergmann mich gebrieft und mit einem Stapel Literatur von und zu Scheffel ausgestattet und gefragt hatte, ob ich mir vorstellen könne etwas dazu zu machen, verhielt ich mich eher reserviert. Scheffels Gaudeamus Prosa mit den plumpen Reimen, Zechsprüchen und Pointen hatte zweifellos ordentlich Staub angesetzt. Ich wusste nicht, was ich von dem Bruder halten sollte.

Wenn man mit den Voraussetzungen, Themenstellungen, Besetzungsvorschriften eines Auftrags nicht einverstanden ist, kann man ihn ablehen oder als Herausforderung annehmen. Kompromisse einzugehen halte ich für genauso unkünstlerisch, wie Konfrontationen zu entgehen. Wenn ich schlechte Stücke geschrieben habe, die letztendlich vor oder nach der Aufführung im Mülleimer gelandet sind, dann wahrscheinlich weil ich entweder zu sehr mit den Auftragsbedingungen angebiedert habe oder mit den bedingten Konflikten zu lax umgegangen bin und sie zu wenig thematisiert habe.

Für mich habe ich erkannt, dass eine ehrliche Selbstinszenierung oft der beste Weg zu spannenden Stücken ist. Herausfinden, wo man sich selbst im Spannungsfeld der Einflüsse verortet, die auf einen selbst und auf das dann daraus eventuell (nicht unbedingt!) entstehende Werk einwirken. Ob diese Selbstverortung dann letztendlich zu spannenden Erkenntnissen geführt hat und sich in einem Stück manifestieren muss, entscheidet der Komponist alleine. Komponieren beginnt nicht nur lange vor der ersten Note, sondern endet dort auch oft schon wieder.

Scheffel musikalisch auszudeuten und seine Texte musikalisch zu interpretieren, wäre mir nicht nur wegen der Distanz zu ihm, sondern generell wesensfremd gewesen. Ich näherte mich ihm, indem ich seine Texte kopierte, vom Buch in den Computer abtippte. Ein distanziertes Herantasten. Anstatt dieses buchstabenweise Kennenlernen aber schon im Vorfeld abzuleisten, wollte ich den ganzen Prozess zum Stück selbst machen.

Ich schrieb ein Programm, das, wenn ich es startete ein Video aufzeichnete: oben links Datum und Uhrzeit, darunter das Webcam-Bild, rechts ein Textfeld. In das Textfeld tippte ich den Text Scheffels, den ich ausgewählt hatte: „Die Philosphie der Barricade“. Immer in kleinen Etappen, mal ein ganzer Absatz, mal nur ein paar Wörter oder Zeichen. Das ganze geschah zwischen dem 4.9. und 18.10.2014 auf einer Reise durch Japan.

Zusätzlich wurden die Umgebungsgeräusche per Mikrofon aufgezeichnet und jeder getippte Buchstabe in eine MIDI-Datei aufgezeichnet. Das Tempo, der Rhythmus des Tippens wurde so zum Rhythmus des Stücks, welcher nachträglich parallel zum Video live von einem Ensemble gespielt werden sollte.

Je nach Buchstabe wurde eine Tonhöhe generiert und aufgezeichnet, die ich nachträglich aber frei, eher topographisch interpretierte und frei umschrieb. Verbindlich war, der Synchronisation wegen, aber der Rhythmus.

Die Tonspur der Aufnahmen ist geprägt von Tippgeräuschen und den Umgebungsgeräuschen der unterschiedlichen Situationen bei denen ich meinen Rechner zum Schreiben aufklappte; Restaurant, Bar, Starbucks, Bootsrundfahrt, Hotel, Zug, Bank am Flußufer usw. Die Umgebungsgeräusche sind letztendlich fast im ganzen Stück präsent.

Ich wählte Bassklarinette, Schlagzeug, Keyboard und Akkordeon. Neben den Tasteninstrumenten als Verbindung zu den Tippgeräuschen hatten die Musiker außerdem je eine Computertastatur, die sie manchmal statt ihrer Instrumente bespielten.

Jeder angeschlagene Buchstabe, der durch das Abtippen des Texts generiert wurde, wird im Stück also unmittelbar Musik. Das unabsichtliche Vertippen („Sxheffel“ statt „Scheffel“) und Korrigiere  sind beabsichtigt Teil des ganzen. Das Tempo des Abtippens bestimmt das Tempo des Stücks, die unterschiedlichen Längen der einzelnen Sitzungen bestimmen die Form.

Die getippten Tonhöhen sind abschnittsweise unterschiedlich interpretiert. Manchmal werden sie zum Tutti, zum Duo für Bassklarinette und Schlagzeug, manchmal mit gesampleten Instrumenten oder als Gate-Compresser der Hintergrundgeräusche oder als pitch-shift des während des Abtippens im Video von mir gehörten Songs interpretiert.

Mit Ende der über einmonatigen Reise und dem letzten Buchstaben des Texts ist das Stück vorbei. Neben dem Abtippen gibt es noch zwei weitere Elemente im Stück, die zwischengeschnitten werden.

Zur Begegnung mit Scheffel holte ich mir einen langjährigen Freund ins Boot: Charles Bukowski. Zwei Jahre vorher hatte ich ein mal einen von ihm selbst gelesenen Text „The night I killed Tommy“ mit Bassinstrument, Schlagzeug und Keyboard vertont. Seine Sprache ist im Bezug auf Tonhöhen und Konsonanten analysiert und wird dann live gedoppelt, quasi orchestriert, ähnlich wie Peter Ablinger das öfter mal macht.

Charles Bukowski war für mich sowohl der richtige Antagonist, als auch mein wingman, den man mitnimmt, wenn man sich mit jemandem trifft, von dem man nicht weiss, was man von ihm halten soll. Langweilig würde es mit Bukowski jedenfalls nicht werden.

Gegen Ende des Stücks kommt dann noch ein Gedicht von Scheffel: „Dem Tode nah“. Der Erzähler liegt am Strand, hat romantische Todessehnsüchte, entscheidet sich dann aber doch noch dazu ein Ründchen weiterzumachen. Das Leben sei ja doch zu verlockend. Das Gedicht gefiel mir gut, eine eigenartige Haltung, gemischt mit diesen heute, damals weniger, bieder anmutenden mysthischen Bezügen und einer gehörigen Portion Kitsch oben drauf.

Ich ließ das Gedicht von einer Computerstimme lesen. Der Computerstimme ist Semantik fremd, sie besitzt keinen Ausdruck. Sie ist das Gegenbild zur Stimme im romantischen Lied, wo musikalischer Ausdruck aus dem Text und Wortlaut heraus kongenial zu einer fast determinierten Höchstform romantischen Ausdrucks gelangt. Die ausdruckslose Computerstimme vertonte ich anschließend wieder, gegen oder frei vom Text, mit, wenn man so will, expressionistisch anmutenden pitch shifts.

Optisch wird das Gedicht von einer langsam untergehenden Sonne begleitet. Ein weitere Folie, die auf die Vermutung romantischen Kitsches in Scheffels Gedicht aufgeklebt wird. Nicht, um zu zeigen, dass es sich da tatsächlich um Kitsch handelt, sondern um weitere Floskeln bereitszustellen, Mehrschichtigkeit im Selbstähnlichen zu schaffen, das zu Differenzierungen und Umkehrschlüssen anregen könnte, dabei aber missverständlich bleibt.

„Sxheffel“ wurde am 15.11.2014 von Aurélien Paulin (Bassklarinette), Shinichi Minami (Schlagzeug), Tobias Drewelius (Keyboard) und Janina Bürg (Akkordeon) uraufgeführt.

Der Mitschnitt unten ist von einer Aufführung am 29.3.2015 mit den gleichen o.g. Musikern.