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für kleine Trommel

Der kaiserliche Schatzmeister Lü Yi entschuldigte sich fortan für die wöchentlichen Konzerte. Er hatte begonnen in einer kleinen musikalischen Geste, die seit einiger Zeit auf dem Hofe in Mode gekommen war – eine auf der kleinen Trommel ausgeführte Beschleunigungsfigur – eine Allegorie auf sein eigenes, ins Unglück geratene Leben zu sehen. Auf seiner Veranda stehend, versuchte er das Bild einer langen schmalen Wolke, am mandarinfarbenen Sichelmond vorüberziehend, mit seinem Auge zu erfassen.

Eine Figur wie diese Beschleunigungsgeste, die, enorm aufgebläht, zur Komposition selbst wird, deren gesamte Länge einnimmt, hinterlässt bildnerisch gesprochen nicht den Eindruck eines sich von immer neuen Seiten und Blickwinkeln präsentierenden, delikaten Objekts, wie man etwa einen Variationssatz umschreiben könnte, sondern viel mehr den Eindruck eines Artefakts, das deplatziert, nutzlos, als gescheiterte Form brachliegt.

Die Schwäche für delikate Formen und geglückte Proportionen dafür verantwortlich zu machen, wäre sicherlich übertrieben – ein Imperium von einem solchen Ausmaß zu halten, sollte auch nach dem großen chinesischen Kaiser Xuanzong lange Zeit niemandem gelingen. Der Schatzmeister Lü Yi konnte nicht umhin, seine kurzen rekreativen Nachmittagsspaziergänge schlagartig zu unterbrechen, wenn er, an den Badehäusern vorüberziehend, die Konkubine Yang Guifei, zu den Gemächern des Kaisers berufen, in einer halboffenen Droschke an ihm vorbeifahren sah. Sich bei einer, so spät wie möglich in die Abendstunden hinausgezögerten Partie Go mit dem zweiten kaiserlichen Eunuchen Ablenkung verschaffend, kehrte er schließlich müde und irritiert zu seinen Rechenschiebern zurück oder senkte sich in seiner Kammer über sein Sammelglas, welches der Kaiser ihm für seine herausragenden Dienste geschenkt hatte, und las in dem winzigen Körper einer gefangenen Schmeißfliege maskenhafte Gesichtszüge und exotische Landschaften.

Die buchhalterische Genauigkeit, die sein Beruf erforderte, durchzog Lü Yis Lebensalltag derart, dass keines der Ereignisse, die seit einiger Zeit beharrlich von außen in sein Leben einzudringen schienen, undokumentiert blieb. Bald gelangte er zu einer Vermutung, die den Ereignissen einen Gesamtzusammenhang unterstellte, der, in einem Ereignis-Zeit-Diagramm in Relation gesetzt, der Form einer logarithmischen Kurve glich. Obschon die zeitlichen Abstände der Ereignisse eine konsequente Verknappung zeigten, verweigerte sich die Natur der Kurve einer exakten Vorhersage des kommenden, sich zum vorherigen in stets variiertem Verhältnis verhaltenden, Ereignisses.

Sein Leben war von einer ungekannten Perzeptivität bestimmt. Beim Errechnen von Steuersätzen, auf seinen Dienstreisen in den Verwaltungsbezirk der benachbarten Provinz, beim zufälligen Betrachten eines einsamen Gibbons am Waldrand während des Frühstücks mit seinem ersten Verwaltungsdiener oder unter dem Hufgetrampel einer Reiterstaffel, welche aus den südlichen Provinzen zurückkehrend, der Konkubine Yang Guifeis geliebte Lychees zu bringen gehießen war – er verbrachte die ungewissen Zwischenräume seines durch die Beschleunigungskurve gegliederten Daseins wie ein wildes Tier.

Nico Sauer
Berlin, 15.3.2015